Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die rote Karte für den Rechtsstaat

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.07.2026 18:56
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Es gibt Nachrichten, bei denen man zuerst prüft, ob das Datum vielleicht der 1. April ist.

Donald Trump bestätigt öffentlich, dass er Fifa-Präsident Gianni Infantino angerufen hat. Der Grund: Er wollte erreichen, dass die Sperre gegen den amerikanischen Nationalspieler Folarin Balogun nochmals überprüft wird.

Und kurz darauf wird genau diese Sperre aufgehoben.

Natürlich beteuert die Fifa, ihre Disziplinarkommission habe völlig unabhängig entschieden.

Ja klar.

Und Murmeltiere reparieren nachts selbstständig die Gotthardröhre.

Noch schöner wird die Geschichte, als Trump erklärt: «Ich wusste nicht, was eine Rote Karte bedeutet.»

Lass dir diesen Satz auf der Zunge zergehen.

Ein Mann, der sich wenige Sekunden zuvor noch als grosser Sportkenner bezeichnet und erklärt, er sei selbst ein guter Athlet gewesen, gibt gleichzeitig zu, dass er gar nicht wusste, was die wichtigste Strafe im Fussball überhaupt bedeutet.

Das wäre ungefähr so, als würde ich behaupten, ich sei ein hervorragender Dirigent, hätte aber erst gestern erfahren, wofür dieser kleine Stock in der Hand eigentlich da ist.

Und trotzdem glaubt dieser Mann, er müsse beim Weltverband intervenieren.

Nicht, weil er die Regeln kennt.

Sondern weil ihm das Resultat nicht gefällt.

Genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Es geht längst nicht mehr um Balogun.

Es geht auch nicht um Belgien oder die USA.

Es geht um einen Grundsatz.

Sport funktioniert nur deshalb, weil die Regeln für alle gelten.

Der Dorfverein.

Der Schweizer Meister.

Der Champions-League-Sieger.

Der Weltmeister.

Alle spielen nach denselben Regeln.

Oder sollten es zumindest.

Wenn aber plötzlich ein Staatspräsident den Telefonhörer in die Hand nimmt und wenige Stunden später aus einer Spielsperre eine Bewährungsstrafe wird, dann ist das Fundament des Sports beschädigt.

Vielleicht war die Sperre tatsächlich hart.

Vielleicht hätte sie auch ohne Trumps Anruf aufgehoben werden können.

Aber genau das spielt keine Rolle mehr.

Der Schaden ist bereits entstanden.

Denn niemand wird künftig noch glauben, dass politische Macht keinen Einfluss auf sportliche Entscheide hat.

Und genau dieses Vertrauen ist unbezahlbar.

Mindestens so unerquicklich verhält sich Gianni Infantino.

Anstatt sich glasklar von jeder politischen Einflussnahme zu distanzieren, erklärt die Fifa, selbstverständlich habe alles unabhängig stattgefunden.

Man muss schon ein aussergewöhnlich gutgläubiger Mensch sein, um das noch zu glauben.

Wenn der mächtigste Politiker der Welt öffentlich erklärt, er habe interveniert, und das gewünschte Resultat anschliessend eintritt, dann reicht bereits der Anschein, um jede Glaubwürdigkeit zu zerstören.

In jeder halbwegs funktionierenden Demokratie nennt man so etwas Befangenheit.

Im Weltfussball nennt man es offenbar einen normalen Montag.

Trump setzt der Geschichte schliesslich die Krone auf.

Er bezeichnet den Schiedsrichter als «verdächtig».

Natürlich.

Immer wenn etwas nicht nach seinem Geschmack läuft, ist jemand verdächtig.

Die Medien.

Richter.

Wissenschaftler.

Wahlbehörden.

Jetzt eben Schiedsrichter.

Es ist immer dieselbe Melodie.

Wenn ich gewinne, war ich brillant.

Wenn ich verliere, wurde manipuliert.

Passend dazu erklärte Trump sogar, hätte die USA verloren, hätte er wohl gesagt, die WM sei manipuliert worden – genau wie die Wahl 2020.

Das Erschreckende daran ist nicht einmal Trump selbst.

Er macht seit Jahren genau das.

Erschreckend ist vielmehr, wie viele Institutionen inzwischen bereit sind, sich diesem Stil anzupassen.

Konflikte vermeiden.

Kritik kleinreden.

Lieber einknicken als Haltung zeigen.

Genau deshalb trägt die Fifa in dieser Geschichte die grössere Verantwortung.

Nicht Trump entscheidet über Fussballregeln.

Die Fifa tut es.

Oder sollte es zumindest.

Wenn sie politische Interventionen zulässt – oder auch nur den Eindruck entstehen lässt, dass sie wirken –, macht sie sich selbst überflüssig.

Denn wozu braucht es noch Schiedsrichter, Disziplinarkommissionen und Reglemente, wenn am Ende ein Telefonanruf aus dem Weissen Haus mehr Gewicht hat?

Eigentlich gibt es nur eine konsequente Reaktion der übrigen Nationalteams.

Nicht protestieren.

Nicht jammern.

Nicht eine weitere Stellungnahme veröffentlichen, die nach zwei Tagen wieder vergessen ist.

Sondern die Koffer packen.

Den Mannschaftsbus besteigen.

Zum Flughafen fahren.

Und nach Hause fliegen.

Denn wenn politische Interventionen wichtiger sind als die Entscheide auf dem Platz, ist diese Weltmeisterschaft ihren Namen nicht mehr wert.

Wer unter solchen Bedingungen weiterspielt, akzeptiert stillschweigend, dass Regeln verhandelbar sind und Einfluss mehr zählt als Fairness.

Ein gemeinsamer Abbruch des Turniers wäre ein historisches Zeichen. Er würde der Fifa unmissverständlich klarmachen: Entweder schützt ihr die Unabhängigkeit des Sports – oder ihr verliert jene, ohne die es überhaupt keinen Sport gibt.

Denn eines ist sicher:

Eine Weltmeisterschaft ohne die Fifa wäre denkbar.

Eine Fifa ohne Mannschaften ist es nicht.

Wörter: 704 - Anschläge: 4973

Kommentare

Herby
06.07.2026 23:18
👍