1. Die teuerste Null der Schweiz
Es gibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken. Nicht weil sie zu spektakulär wären. Sondern weil kein vernünftiger Mensch auf die Idee käme, so etwas zu erfinden.
Diese Geschichte beginnt mit einem Brief vom Steueramt.
Nun gehören Briefe vom Steueramt nicht gerade zu den Dingen, die bei mir spontane Glücksgefühle auslösen. Zwischen Liebesbrief und Steuerrechnung besteht ungefähr derselbe emotionale Unterschied wie zwischen Vanilleeis und einer Wurzelbehandlung.
Umso überraschter war ich, als ich die Rechnung öffnete.
Zu bezahlen: 0 Franken.
Null.
Nichts.
Nada.
Die mathematische Verkörperung des Nichts.
Zunächst dachte ich, jemand habe im Amt einen schlechten Tag gehabt. Vielleicht war ein Computer abgestürzt. Vielleicht hatte eine Software beschlossen, sich künstlerisch auszudrücken. Vielleicht war einfach Schweizer Bürokratie passiert.
Man kennt das.
Also legte ich die Rechnung beiseite und widmete mich wichtigeren Dingen. Zum Beispiel der Frage, warum Katzen grundsätzlich genau dort liegen, wo man gerade durchlaufen möchte.
Zwei Monate später kam die Mahnung.
Für die Rechnung über 0 Franken.
Da beginnt man kurz an sich selbst zu zweifeln. Habe ich etwas übersehen? Gibt es inzwischen Negativschulden? Ist die Mathematik reformiert worden?
Also rief ich beim Steueramt an.
Die Dame am Telefon war freundlich.
Ja, das sei selbstverständlich ein Fehler.
Ja, die Mahnung werde gelöscht.
Ja, ich müsse nichts unternehmen.
Perfekt.
Fall erledigt.
Dachte ich.
Einen Monat später lag die nächste Mahnung im Briefkasten.
Diesmal mit Nachdruck.
Und mit der dezenten Androhung weiterer Massnahmen.
Ich sass am Küchentisch und starrte das Schreiben an.
Irgendwo in der Schweiz existierte also ein Verwaltungsapparat, der ernsthaft Ressourcen investierte, um eine Forderung von exakt 0 Franken einzutreiben.
Menschen hatten Briefe geschrieben.
Computer hatten Daten verarbeitet.
Kuverts waren gefaltet worden.
Postboten waren unterwegs gewesen.
Papier war bedruckt worden.
Alles wegen nichts.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.
Während irgendwo Steuerhinterzieher Millionen verschieben, internationale Konzerne ihre Gewinne um den Globus jonglieren und dubiose Finanzakrobaten ihre Anwälte beschäftigen, sitzt ein Verwaltungscomputer vermutlich nachts in einem Kellerraum und denkt:
«Der Rellstab schuldet uns noch immer 0 Franken. Den kriegen wir.»
An diesem Punkt war für mich eine Grenze erreicht.
Nicht die finanzielle.
Die philosophische.
Wenn der Staat der Meinung ist, ich müsse 0 Franken bezahlen, dann soll er seine 0 Franken bekommen.
Also marschierte ich mit dem Einzahlungsschein zur Post.
Der Schalterbeamte blickte auf die Rechnung.
Dann auf mich.
Dann wieder auf die Rechnung.
Es war derselbe Blick, den Tierärzte vermutlich verwenden, wenn jemand einen Goldfisch zur Zahnreinigung anmeldet.
«Sind Sie sicher?»
Eine ausgezeichnete Frage.
Objektiv betrachtet war ich mir nämlich überhaupt nicht sicher.
Aber nach zwei Mahnungen und einer Betreibungsandrohung hatte ich beschlossen, dass Vernunft in diesem Verfahren ohnehin keine Rolle mehr spielte.
«Ja», sagte ich.
Der Beamte führte die Zahlung aus.
0 Franken.
Transaktion erfolgreich.
Allerdings nicht ganz.
Nun kommt der schönste Teil der Geschichte.
Die Gebühren für eine Einzahlung am Postschalter werden bekanntlich dem Empfänger belastet.
Mit anderen Worten:
Das Steueramt könnte demnächst feststellen, dass sein beharrlicher Feldzug gegen meine gewaltige Steuerschuld von 0 Franken Kosten verursacht hat.
2.50 Franken.
Es ist wahrlich zum Staunen.
Eine Behörde verschickt eine Rechnung über 0 Franken.
Danach eine Mahnung.
Dann noch eine Mahnung.
Droht mit weiteren Schritten.
Und bezahlt am Ende selbst 2.50 Franken dafür, dass jemand die Forderung von 0 Franken tatsächlich begleicht.
Das ist Verwaltungskunst auf höchstem Niveau.
Andere Menschen verwandeln Gold in Blei.
Unsere Bürokratie verwandelt Nichts in Kosten.
Bis heute weiss ich nicht, wie die Geschichte endet.
Vielleicht wird die Zahlung ordnungsgemäss verbucht.
Vielleicht sitzt irgendwann ein Sachbearbeiter vor seinem Bildschirm und fragt sich, weshalb jemand freiwillig 0 Franken einbezahlt hat.
Vielleicht löst die Buchung eine interne Untersuchung aus.
Vielleicht wird ein neues Formular geschaffen.
Man weiss es nicht.
Was ich aber gelernt habe:
Die wahre Stärke der Bürokratie liegt nicht darin, Probleme zu lösen.
Ihre wahre Stärke liegt darin, mit bewundernswerter Ausdauer auch dort Probleme zu finden, wo gar keine vorhanden sind.
Und wenn man ihr genügend Zeit gibt, schafft sie sogar etwas, das mathematisch eigentlich unmöglich sein sollte:
Sie macht aus Null einen Verlust.
Kommentare
Anita hat mir den Link weitergeleitet. Genial, deine super Schreibe und die Auswüchse der Bürokratie. Die mir zeigen, dass sich D und CH doch sehr ähnlich sind. Emil hätte seine helle Freude daran und sofort einen Sketch daraus gemacht. Ich habe herzlich gelacht. Herzliche Grüße