1. Die Aasgeier im Nadelstreifen
Es gibt Berufe, bei denen man als Kind davon träumt.
Lokomotivführer. Feuerwehrmann. Astronaut. Jazzmusiker.
Und dann gibt es Menschen, die irgendwann aufwachen und sich denken:
«Weisst du was? Ich möchte mein Geld damit verdienen, Leuten nachzulaufen, die ohnehin schon finanzielle Probleme haben.»
Willkommen in der Welt der Inkassobüros.
Jener Branche, die seit Jahrzehnten verzweifelt versucht, sich als seriöser Dienstleister zu verkaufen, obwohl ihr Ruf ungefähr so beliebt ist wie Fusspilz in einer Badi.
Neulich durfte ein Inkasso-Chef in einem Interview erklären, wie seine Branche funktioniert. Man habe heute ein falsches Image. Früher seien die Inkassoleute als brutale Geldeintreiber wahrgenommen worden. Heute sei alles modern. Digital. Professionell. Kundenorientiert.
Aha.
Und McDonald’s ist ein Gesundheitszentrum. Die Tabakindustrie ein Lungensanatorium. Und Temu eine Nachhaltigkeitsorganisation.
Man muss diesen Leuten eines lassen: Sie beherrschen die Kunst der Selbstverklärung auf olympischem Niveau.
Besonders lustig wird es, wenn Inkassobosse über die Schuldenprobleme der Bevölkerung philosophieren. Die Menschen hätten die Kontrolle über ihre Finanzen verloren. Zu wenig Finanzbildung. Zu viele Onlinebestellungen. Zu viele Konsumwünsche.
Das mag alles stimmen.
Aber es hat einen leicht bizarren Beigeschmack, wenn ein Geier dem Kaninchen erklärt, wie gefährlich die Natur geworden ist.
Denn die Inkassobranche lebt nicht trotz dieser Probleme.
Sie lebt von ihnen.
Jede unbezahlte Rechnung ist für diese Firmen ungefähr das, was Weihnachten für Spielwarenhändler ist. Eine Umsatzchance. Eine Geschäftsmöglichkeit. Ein kleines Freudenfeuer im Jahresabschluss.
Natürlich spricht das niemand so aus.
Stattdessen wird von Lösungen geredet. Von Dialog. Von Verantwortung. Von Partnerschaft.
Partnerschaft.
Allein dieses Wort verdient einen Ehrenplatz im Museum der Unverschämtheiten.
Wenn ein Inkassobüro von Partnerschaft spricht, ist das ungefähr so glaubwürdig wie ein Taschendieb, der von langfristiger Kundenbindung redet.
Die Wahrheit ist viel einfacher.
Ein Inkassobüro verdient sein Geld mit Angst. Mit Unsicherheit. Mit der Tatsache, dass die meisten Menschen keine Juristen sind. Mit der Hoffnung, dass jemand lieber bezahlt, als sich mit Gesetzestexten herumzuschlagen.
Und genau deshalb stört mich diese Branche seit Jahren.
Nicht weil offene Rechnungen eingefordert werden. Das ist legitim. Wer etwas bestellt, soll es bezahlen. Ende Diskussion.
Was mich stört, ist das Geschäftsmodell rund um die Rechnung.
Aus 100 Franken werden plötzlich 150. Dann 200. Dann 250.
Irgendwo tauchen Bearbeitungskosten auf. Verzugsschäden. Administrativgebühren. Mahnspesen. Inkassokosten. Gebühren für Gebühren. Kosten für das Berechnen der Kosten.
Wahrscheinlich verrechnet irgendwann noch jemand Sauerstoffverbrauch beim Öffnen des Briefumschlags.
Und jedes Mal wird so getan, als sei das alles völlig selbstverständlich.
Dabei weisen Konsumentenschützer seit Jahren darauf hin, dass ein erheblicher Teil dieser Fantasiezuschläge juristisch keineswegs so selbstverständlich ist, wie die Briefe gerne suggerieren.
Das weiss die Branche selbstverständlich.
Natürlich weiss sie das.
Sie beschäftigt ganze Heerscharen von Juristen. Niemand kann mir erzählen, dass dort jemand morgens überrascht feststellt:
«Hoppla, offenbar darf man diese Position gar nicht einfach verlangen.»
Unsinn.
Sie kennen die Grenzen sehr genau.
Und sie marschieren Tag für Tag bis auf wenige Millimeter an diese Grenzen heran. Manche springen vermutlich sogar mit Anlauf darüber und hoffen, dass niemand hinschaut.
Das Erstaunlichste ist jedoch die moralische Überheblichkeit.
Da sitzen Menschen in klimatisierten Büros und erklären Familien, Alleinerziehenden, Rentnern oder Leuten mit finanziellen Problemen, wie man seine Finanzen besser organisieren sollte.
Ausgerechnet jene Branche, die am meisten davon profitiert, wenn andere Menschen den Überblick verlieren.
Das ist ungefähr so, als würde ein Brandstifter Vorträge über Brandschutz halten.
Oder ein Alkoholiker Seminare über kontrolliertes Trinken.
Natürlich gibt es Menschen, die ihre Rechnungen absichtlich nicht bezahlen. Natürlich gibt es Schnorrer. Natürlich gibt es notorische Schuldner.
Aber zwischen diesen Leuten und einer Mutter, die wegen Krankenkassenprämien, Miete und Stromrechnung den Überblick verloren hat, liegen Welten.
Inkassobüros interessiert dieser Unterschied allerdings nur begrenzt.
Am Ende ist beides eine Akte mit einer offenen Forderung. Ein Geschäftsfall. Eine Nummer. Eine potenzielle Einnahmequelle.
Und genau deshalb nehme ich die Selbstinszenierung dieser Branche nicht ernst.
Sie sind keine Wohltätigkeitsorganisation. Keine Schuldnerhilfe. Keine gesellschaftliche Rettungstruppe.
Sie sind eine Industrie, die von finanziellen Schwierigkeiten anderer Menschen lebt.
Das darf sie.
Aber sie soll bitte aufhören, so zu tun, als würde sie dabei etwas Heroisches leisten.
Ein Metzger verkauft Fleisch. Ein Bäcker verkauft Brot.
Ein Inkassobüro verdient Geld mit fremden Problemen.
Das ist die Wahrheit.
Der Rest ist Hochglanzbroschüre.
Kommentare