1. Als Schindellegi noch ein Dorf war
Ich bin im Pauli aufgewachsen.
Damals war das Pauli-Quartier einfach ein Quartier. Kein «Premium Living». Keine «Luxury Residences». Kein Immobilienprospekt mit glücklichen Menschen in weissen Hosen, die auf einer Terrasse Champagner trinken und dabei bedeutungsvoll in den Sonnenuntergang schauen.
Es war einfach Schindellegi.
Wir hatten Nachbarn. Richtige Nachbarn. Solche, die man kannte. Solche, die einem auch mal den Ball zurückwarfen, wenn er über den Zaun flog. Wir Kinder streiften durch den Quartierwald, bauten Hütten, verschwanden stundenlang im Gebüsch und kamen irgendwann mit dreckigen Hosen und guter Laune wieder nach Hause.
Heute würde vermutlich irgendein besorgter Immobilienverwalter einen Sicherheitsdienst aufbieten.
Wenn ich heute die Berichte über das Pauli-Quartier lese, frage ich mich manchmal: Wann genau ist aus unserem Quartier eigentlich eine Goldgrube geworden?
Wann wurde aus einem Dorf ein Anlageprodukt?
Die aktuelle Geschichte könnte jedenfalls kaum symbolischer sein.
Mitten im Dorf der Milliardäre entsteht eine Luxus-Siedlung. Sechs Häuser. Dreissig Wohnungen. Die teuerste kostet fünfzehn Millionen Franken. Fünfzehn Millionen. Für diesen Betrag hätte man früher vermutlich das halbe Dorf kaufen können. Heute reicht es für eine Maisonettewohnung mit Aussicht.
Und dann passiert etwas, das in den Hochglanzbroschüren selten vorkommt.
Die Natur meldet sich.
Man bohrt.
Und bohrt.
Und bohrt.
Bis plötzlich Wasser kommt.
Nicht ein bisschen Wasser.
Sondern Grundwasser unter Druck.
Artesisches Grundwasser.
Mit anderen Worten: Der Berg sagt freundlich, aber bestimmt: «Eigentlich hätte ich hier gerne meine Ruhe.»
Doch Ruhe ist heutzutage kein Geschäftsmodell.
Also wird gepumpt.
Tag und Nacht.
Jeden Tag.
Jede Nacht.
Das Wasser kommt hoch, die Pumpen laufen, die Nachbarn beschweren sich, der Hang bewegt sich und irgendwo entstehen sogar Risse in Hausmauern.
Man könnte fast meinen, die Landschaft sei nicht begeistert davon, dass man ihr eine Luxusüberbauung in den Bauch betonieren möchte.
Besonders bemerkenswert finde ich die Aussage, man habe natürlich von Anfang an gewusst, dass es Hangwasser und Grundwasser gibt.
Das ist ungefähr so überzeugend wie jemand, der behauptet, er habe gewusst, dass die Herdplatte heiss sei, während er gleichzeitig mit verbrannten Fingern in die Notaufnahme fährt.
Offenbar wusste man alles.
Ausser vielleicht, was das Ganze in der Realität bedeutet.
Nun muss stabilisiert werden.
Abgepumpt werden.
Nachgebessert werden.
Bewilligungen müssen nachträglich eingeholt werden.
Der Einzug verschiebt sich.
Käufer springen ab.
Und plötzlich stellt man fest, dass selbst Menschen mit sehr viel Geld nicht unbedingt begeistert sind, mehrere Millionen Franken für eine Baustelle mit Wasserproblemen auszugeben.
Wer hätte das gedacht?
Vielleicht liegt das Problem aber noch tiefer.
Vielleicht hat man sich schlicht daran gewöhnt, dass im Kanton Schwyz alles funktioniert, solange genügend Geld vorhanden ist.
Man baut ein Luxusprojekt?
Kein Problem.
Man verkauft Wohnungen für vier bis fünfzehn Millionen?
Kein Problem.
Man lockt vermögende Steuerflüchtlinge aus aller Welt an?
Kein Problem.
Aber irgendwann kommt die Geologie.
Und die interessiert sich herzlich wenig für Bankkonten.
Grundwasser lässt sich nicht von einem Steuerberater beeindrucken.
Ein Hang fragt nicht nach dem Aktienportfolio seines Besitzers.
Und eine Quelle hört nicht auf zu fliessen, nur weil irgendwo ein Verkaufsprospekt gedruckt wurde.
Vielleicht ist genau das die schönste Pointe an dieser Geschichte.
Die Natur hat keinen Respekt vor Prestige.
Sie kennt keine Luxusklasse.
Sie kennt keine VIP-Zonen.
Sie kennt keine Quadratmeterpreise.
Sie macht einfach ihr Ding.
So wie damals, als wir Kinder im Wald spielten.
Der Wald war übrigens schon damals da.
Das Wasser vermutlich auch.
Der Hang ebenfalls.
Nur die Illusion, man könne alles kaufen, die kam später.
Manchmal frage ich mich, was aus Schindellegi geworden ist.
Das Dorf meiner Kindheit existiert nur noch in Erinnerungen. Die Wiesen werden kleiner, die Häuser grösser und die Autos teurer. Aus Nachbarn werden Investoren. Aus Aussichtslagen werden Renditeobjekte.
Vielleicht ist das einfach der Lauf der Zeit.
Vielleicht bin ich nostalgisch.
Oder vielleicht ist es tatsächlich etwas traurig, wenn ein Dorf seinen Charakter verkauft und dafür Luxuswohnungen bekommt.
Wohnungen, die sich kaum jemand aus dem Dorf leisten kann.
Wohnungen, die grösstenteils für Menschen gebaut werden, die mit Schindellegi ungefähr so viel Verbindung haben wie ich mit einer Raumstation auf dem Mars.
Und nun steht da diese gigantische Baustelle.
Der Berg wehrt sich.
Das Wasser sprudelt.
Die Käufer verschwinden.
Und irgendwo sitzt vermutlich ein Immobilienentwickler über einer Excel-Tabelle und fragt sich, warum die Natur nicht endlich aufhört, sich so unkooperativ zu verhalten.
Die Antwort ist einfach.
Weil Schindellegi eben doch nicht ganz käuflich ist.
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